Die Kunst, mit Unsicherheit zu leben
Veröffentlicht am Freitag, 2. Oktober 2026Warum die Zukunft niemals berechenbar sein wird – und warum genau darin eine beruhigende Erkenntnis liegt.
Es gibt zwei Arten von Menschen, die einen glauben, Gelassenheit entstehe dann, wenn endlich alle Unsicherheiten beseitigt sind. Die anderen haben irgendwann verstanden, dass dieser Tag niemals kommen wird. Interessanterweise sind es oft gerade Unternehmer, Ärzte und andere Verantwortungsträger, die dieser Erkenntnis zunächst am meisten widerstehen. Das ist nachvollziehbar. Ihr beruflicher Erfolg beruht häufig darauf, Risiken früh zu erkennen, Szenarien durchzudenken und Probleme zu lösen, bevor sie entstehen.
Dieses Denken ist sinnvoll – und oft entscheidend für den Erfolg.
Schwierig wird es nur, wenn aus einer beruflichen Stärke eine Lebensstrategie wird, denn das Leben folgt anderen Regeln als ein Unternehmen oder eine Bilanz. Es lässt sich nicht vollständig planen.
Der Irrtum der modernen Welt
Noch nie in der Geschichte standen uns mehr Daten zur Verfügung.
- Wir kennen Inflationsraten in Echtzeit
- Wir verfolgen Börsenkurse sekundengenau
- Künstliche Intelligenz erstellt Prognosen
- Volkswirte veröffentlichen Szenarien
Dennoch scheint das Gefühl von Unsicherheit nicht kleiner zu werden, eher im Gegenteil, vielleicht liegt das daran, dass wir unbewusst einer falschen Annahme folgen:
Mehr Informationen führen automatisch zu mehr Sicherheit.
Doch Informationen beantworten vor allem Fragen über die Gegenwart und die Vergangenheit, Unsicherheit entsteht dagegen aus der Zukunft und die bleibt offen.
- Pandemien
- Kriege
- Technologische Durchbrüche
- Politische Wendepunkte
- Persönliche Schicksalsschläge
Kaum eines der Ereignisse, die unsere Welt in den vergangenen Jahrzehnten geprägt haben, wurde in seiner konkreten Form zuverlässig vorhergesagt.
Die Zukunft war nie berechenbar, wir haben sie nur zeitweise dafür gehalten.
Warum unser Gehirn Unsicherheit nicht mag
Unser Gehirn wurde nicht für die Börse entwickelt, auch nicht für globale Lieferketten oder geopolitische Konflikte. Es entstand in einer Welt, in der Unsicherheit meist unmittelbar mit Überleben verbunden war.
Ein unbekanntes Geräusch im Gebüsch?
Lieber einmal zu viel fliehen als einmal zu wenig. Diese Vorsicht war evolutionär sinnvoll. Heute jedoch reagiert dasselbe Nervensystem auf Schlagzeilen, Marktbewegungen oder politische Entwicklungen häufig ähnlich wie früher auf reale Gefahren. Hinzu kommt ein zweiter Mechanismus: Unser Gehirn verwechselt häufig Kontrolle mit Vorhersagbarkeit, dabei sind das zwei völlig unterschiedliche Dinge.
Das erste Denkmodell: Die Kontroll-Landkarte
Wenn Menschen von Unsicherheit sprechen, vermischen sie oft drei Ebenen.
Was ich kontrollieren kann:
- Meine Ausgaben
- Mein Sparverhalten
- Meine Weiterbildung
- Meine Gesundheit
- Meine Reaktionen
Was ich beeinflussen kann:
- Mein Unternehmen
- Meine Mitarbeiter
- Meine Familie
- Meine Kunden
Was ich weder kontrollieren noch beeinflussen kann:
- Inflation
- Zinsen
- Kriege
- Wahlen
- Kapitalmärkte
Die meisten Sorgen entstehen, weil wir gedanklich zu viel Zeit in der dritten Kategorie verbringen.
Gelassenheit beginnt häufig mit einer einfachen Frage: „In welcher dieser drei Zonen befinde ich mich gerade?“ Allein diese Unterscheidung verändert oft die Qualität unseres Denkens.
Das zweite Denkmodell: Objektive und gefühlte Sicherheit
Ein interessantes Phänomen begegnet uns immer wieder, zwei Menschen verfügen über nahezu identische Vermögensverhältnisse. Der eine schläft ruhig, der andere sorgt sich täglich.
Was unterscheidet sie? Nicht das Vermögen, sondern das Sicherheitsgefühl. Objektive Sicherheit und subjektive Sicherheit sind nicht dasselbe.
Das erklärt, warum manche Menschen mit vergleichsweise wenig Vermögen erstaunlich gelassen leben, während andere trotz finanzieller Unabhängigkeit ständig neue Risiken entdecken. Mehr Vermögen erhöht häufig die objektive Sicherheit, es garantiert jedoch keine innere Sicherheit. Diese entsteht vor allem durch Klarheit.
Das dritte Denkmodell: Vorbereitung statt Vorhersage
Viele Menschen versuchen, die Zukunft möglichst präzise vorherzusagen, vielleicht wäre eine andere Frage hilfreicher: „Wie gut bin ich auf verschiedene Zukünfte vorbereitet?“
Zwischen diesen beiden Denkweisen liegt ein fundamentaler Unterschied. Vorhersagen versuchen, die Zukunft richtig zu treffen. Vorbereitung akzeptiert, dass mehrere Zukünfte möglich sind. Genau deshalb besitzen Unternehmen Notfallpläne. Piloten trainieren Triebwerksausfälle, Krankenhäuser üben Katastrophenszenarien. Nicht weil sie glauben, diese Ereignisse würden sicher eintreten, sondern weil Vorbereitung Gelassenheit schafft.
Das vierte Denkmodell: Optionen statt Prognosen
Der Autor und Risikoexperte Nassim Taleb beschreibt eine bemerkenswerte Eigenschaft erfolgreicher Menschen. Sie versuchen häufig weniger, die Zukunft vorherzusagen. Sie schaffen sich vielmehr möglichst viele Optionen:
- Liquiditätsreserven
- Breite Qualifikationen
- Gesundheit
- Ein belastbares Netzwerk
- Mehrere Einkommensquellen
- Ein diversifiziertes Vermögen
All diese Dinge haben etwas gemeinsam:
Sie erhöhen nicht die Vorhersagekraft, sie erhöhen die Handlungsfähigkeit und genau diese Handlungsfähigkeit empfinden viele Menschen als Sicherheit.
Das fünfte Denkmodell: Die Anti-Katastrophen-Frage
Unser Gehirn liebt Katastrophenszenarien, doch erstaunlich selten denken wir sie konsequent zu Ende.
Fragen Sie sich stattdessen: „Angenommen, dieses Ereignis tritt tatsächlich ein. Was wäre mein erster Schritt?“
Nicht: „Wie verhindere ich jede Krise?“
Sondern: „Wie würde ich mit ihr umgehen?“
Allein diese Perspektive verändert häufig die emotionale Intensität der Sorge, aus einer diffusen Bedrohung wird ein lösbares Problem.
Das sechste Denkmodell: Selbstwirksamkeit
Vielleicht ist dies die wichtigste Erkenntnis überhaupt. Viele Menschen suchen Sicherheit, tatsächlich suchen sie etwas anderes. Sie suchen das Vertrauen, mit Unsicherheit umgehen zu können. Psychologen sprechen von Selbstwirksamkeit.
Sie beschreibt die Überzeugung: „Auch wenn Schwierigkeiten auftreten, werde ich Wege finden.“
Dieses Vertrauen entsteht nicht durch Optimismus, es entsteht durch Erfahrung. Jede gemeisterte Krise stärkt diese innere Gewissheit. Vielleicht waren die schwierigsten Phasen Ihres Lebens deshalb rückblickend nicht nur Belastungen, sondern auch Beweise Ihrer eigenen Stärke.
Was hat das mit Financial Planning zu tun?
Auf den ersten Blick scheint Finanzplanung vor allem Zahlen zu ordnen:
- Liquidität
- Steuern
- Versicherungen
- Renten
- Kapitalanlagen
In Wahrheit geschieht jedoch noch etwas anderes.
Ein guter Finanzplan beantwortet nicht die Frage: „Wie wird die Zukunft aussehen?“
Er beantwortet eine wesentlich hilfreichere Frage: „Sind wir auf unterschiedliche Zukünfte vorbereitet?“
Das verändert den Charakter von Planung grundlegend. Financial Planning ist keine Kristallkugel, es ist ein Orientierungsinstrument.
- Es schafft keine Gewissheit
- Es schafft Entscheidungsfähigkeit
Und vielleicht ist genau das die realistischste Form von Sicherheit, die wir Menschen überhaupt erreichen können.
Eine andere Definition von Gelassenheit
Viele Menschen hoffen, irgendwann an einen Punkt zu gelangen, an dem keine Unsicherheit mehr existiert. Vielleicht gibt es diesen Punkt nicht, vielleicht besteht Gelassenheit aus etwas völlig anderem. Nicht aus der Abwesenheit von Unsicherheit, sondern aus dem Vertrauen, ihr begegnen zu können.
Das verändert auch den Blick auf Vermögen, sein größter Wert liegt möglicherweise nicht darin, jedes Risiko auszuschließen. Sondern darin, Freiräume zu schaffen.
- Freiräume zum Denken
- Zum Entscheiden
- Zum Handeln
- Zum Leben
Ein Gedanke zum Schluss
Wir verbringen erstaunlich viel Zeit damit, nach Gewissheiten zu suchen, dabei war die Zukunft nie sicher.
- Nicht für unsere Eltern
- Nicht für unsere Großeltern
- Nicht für erfolgreiche Unternehmer
- Nicht für Staaten
- Nicht für Kapitalmärkte
Vielleicht ist Sicherheit deshalb gar kein Zustand, sondern eine Fähigkeit. Die Fähigkeit, einer ungewissen Zukunft mit Klarheit statt Grübeln, mit Vorbereitung statt Panik und mit Vertrauen statt Kontrolle zu begegnen.
Wer diese Fähigkeit entwickelt, entdeckt etwas Überraschendes: Die Zukunft wirkt nicht weniger offen aber sie verliert einen großen Teil ihres Schreckens.