Warum wir Märkte nicht prognostizieren
Veröffentlicht am Freitag, 27. März 2026Und weshalb gute Nachrichten selten gute Aktienrenditen bedeuten
In nahezu jedem Mandantengespräch wiederholen wir einen Satz, fast schon gebetsmühlenartig:
„Märkte sind nicht prognostizierbar. Und alle öffentlich verfügbaren Informationen sind im heutigen Kurs bereits eingepreist.“
Manche nicken.
Manche sind irritiert.
Manche denken: Ganz so einfach kann es doch nicht sein.
Dieser Artikel soll erklären, warum wir diese Aussage so konsequent vertreten – und was sie konkret bedeutet.
Denn sie ist kein Dogma.
Sie ist die Grundlage einer robusten Vermögensarchitektur.
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1) Was bedeutet „eingepreist“ eigentlich?
Der Begriff geht unter anderem auf die Arbeiten von Eugene Fama zurück, der die sogenannte Effizienzmarkthypothese geprägt hat.
Die Kernaussage lautet:
In einem liquiden, funktionierenden Kapitalmarkt spiegeln die aktuellen Kurse alle öffentlich verfügbaren Informationen wider.
Warum?
Weil Millionen Marktteilnehmer – Analysten, Fondsmanager, Algorithmen, institutionelle Investoren – jede neue Information sofort bewerten und in Kauf- oder Verkaufsentscheidungen übersetzen.
Sobald eine Nachricht öffentlich wird, ist sie verarbeitet.
Der Preis einer Aktie ist daher nicht das Abbild der heutigen Realität.
Er ist das Abbild der aggregierten Erwartungen über die Zukunft.
Und genau hier liegt das Missverständnis vieler Anleger.
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2) Warum gute Nachrichten nicht automatisch gute Renditen bedeuten
Viele Anleger denken:
„Dieses Unternehmen wird hohe Gewinne machen. Also wird die Aktie steigen.“
Doch diese Logik greift zu kurz.
Wenn heute bereits allgemein erwartet wird, dass ein Unternehmen hohe Gewinne erzielen wird, dann ist diese Erwartung bereits im Kurs enthalten.
Damit eine Aktie steigt, muss nicht die Realität gut sein.
Sie muss besser sein als erwartet.
Ein Unternehmen kann hervorragende Gewinne melden – und die Aktie fällt dennoch. Warum? Weil der Markt noch bessere Ergebnisse erwartet hatte.
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3) Das Beispiel BioNTech
Während der Corona-Pandemie kamen zahlreiche Anleger mit einer klaren These:
„BioNTech wird Milliarden verdienen. Wir müssen investieren.“
Die Logik war nachvollziehbar. Impfstoff. Globale Nachfrage. Hohe Margen.
Doch als diese Erwartung in der breiten Öffentlichkeit angekommen war, war sie längst im Kurs reflektiert.
Der Aktienpreis spiegelte nicht den aktuellen Gewinn wider – sondern die Erwartung zukünftiger Gewinne.
Als sich später zeigte, dass diese Gewinne nicht dauerhaft auf diesem Niveau bleiben würden, korrigierte der Markt.
Nicht, weil das Unternehmen schlecht war.
Sondern weil die Erwartungen zu hoch waren.
Das Entscheidende ist also nicht, ob ein Unternehmen erfolgreich ist.
Sondern ob es erfolgreicher ist, als der Markt ohnehin annimmt.
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4) Das aktuelle Beispiel: Rüstungsaktien
Ähnlich verhält es sich derzeit bei Rüstungsunternehmen.
Ja, staatliche Budgets steigen.
Ja, Auftragslagen sind gut.
Ja, Gewinne werden voraussichtlich wachsen.
Doch auch hier gilt:
Wenn diese Entwicklungen bereits erwartet werden, sind sie bereits im Kurs enthalten.
Überdurchschnittliche Renditen entstehen nur dann, wenn die tatsächliche Entwicklung die ohnehin hohen Erwartungen übertrifft.
Das ist deutlich schwieriger, als es klingt.
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5) Warum Stockpicking heute besonders anspruchsvoll ist
Historisch gab es Investoren wie Benjamin Graham, Warren Buffett oder Charlie Munger, die durch gezielte Unternehmensauswahl außergewöhnliche Ergebnisse erzielten.
Doch mehrere Faktoren haben sich verändert:
1. Informationsgeschwindigkeit – Informationen verbreiten sich heute in Sekunden.
2. Professionalisierung – Institutionelle Investoren dominieren die Märkte.
3. Datenverfügbarkeit – Bewertungsmodelle sind hochentwickelt und breit zugänglich.
4. Wettbewerb – Milliardenbeträge konkurrieren um minimale Informationsvorteile.
Zudem kommen für Privatanleger strukturelle Nachteile hinzu:
• Transaktionskosten
• Steuerbelastung bei Umschichtungen
• Verhaltensfehler (Overconfidence, Herdentrieb etc.)
• Zeitaufwand
Selbst Warren Buffett empfiehlt seinen Erben, den Großteil des Vermögens kostengünstig in einen breit gestreuten S&P-500-Indexfonds zu investieren – statt aktives Stockpicking zu betreiben.
Das ist bemerkenswert.
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6) Die Rolle von John Bogle
John C. Bogle, der Gründer von Vanguard, argumentierte stets:
„Don’t look for the needle in the haystack. Just buy the haystack.“
Statt zu versuchen, einzelne Gewinner zu identifizieren, investiert man in den gesamten Markt.
Damit verzichtet man bewusst auf die Hoffnung, den Markt zu schlagen – und erhält im Gegenzug:
• breite Diversifikation
• geringe Kosten
• steuerliche Effizienz
• weniger Verhaltensfehler
• planbare Marktrendite
Und genau diese Kombination führt langfristig erstaunlich oft zu besseren Ergebnissen als aktives Handeln.
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7) Warum wir es immer wieder sagen
Wenn wir also wiederholen:
„Märkte sind nicht prognostizierbar“
dann meinen wir:
• Niemand kann systematisch zukünftige Erwartungen besser einschätzen als der Markt.
• Gute Nachrichten sind meist bereits eingepreist.
• Überrenditen entstehen nur durch unerwartete Entwicklungen.
• Und unerwartete Entwicklungen sind per Definition nicht planbar.
Deshalb konzentrieren wir uns nicht auf Prognosen.
Sondern auf Struktur.
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8) Die eigentliche Konsequenz
Statt zu fragen:
„Welche Aktie wird steigen?“
lautet die robustere Frage:
„Ist meine Vermögensstruktur breit genug, kosteneffizient genug und diszipliniert genug, um langfristig von globalem Wachstum zu profitieren?“
Marktbreite ETFs sind kein Ausdruck von Fantasielosigkeit.
Sie sind Ausdruck von Demut gegenüber der Komplexität der Märkte.
Und Demut ist im Vermögenskontext eine Stärke.
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Reflexionsimpuls
Wenn Sie heute eine Einzelaktie kaufen würden:
Tun Sie das, weil Sie über Informationen verfügen, die der Markt noch nicht kennt?
Oder weil die Geschichte überzeugend klingt?
Diese Unterscheidung ist entscheidend.
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Schlussgedanke
Finanzieller Seelenfrieden entsteht nicht durch das richtige Gespür für Schlagzeilen.
Er entsteht durch eine Struktur, die ohne Schlagzeilen funktioniert.
Und genau deshalb wiederholen wir es so oft.